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by fw

Auf dem Seidenfluss Schrittweise weiter gehen Einleitung! 2 2. Worum es mir mit der Site geht! 4 3. Über den Autoren! 6 4. Die anderen Seidenflüsse! 8 5. Kampfkunst! 9 6. Vom Kampf! 11 7. Der Weg zur Perfektion - Do, Gongfu! 14 8. Meister und Schüler, ein ganz besonderes Verhältnis! 17 9. Zwei Formen der Arbeit von Körper und Geist! 21 10. Innere Stile! 23 11. Äußere Stile! 26 12. Kampfkünste und Gesundheit! 28 13. Von Innen- und anderen Welten! 31 14. Nicht zu fassen, aber da! 33 15. Vom Nutzen der Meditation! 36 16. Das Erlebnis mit dem Ball - oder - Die Energie, irgendwann passiert es einfach! 39

1. Einleitung Darf ich Sie zu einer Flussfahrt einladen? Dann seien Sie mir willkommen auf dem Seidenfluss! Kommen Sie an Bord meines kleinen Nachens und lassen Sie sich ein wenig mit mir auf dem Fluss treiben. Wohin der Fluss uns führen wird, weiß ich auch nicht so genau, aber ich befahre nun schon eine ganze Weile seine Fluten, und er hat mich noch nie enttäuscht auf dem Weg zu mehr Gesundheit, Zufriedenheit und (Selbst-)Sicherheit. „Was ist das, der Seidenfluss? Ich kenne nur die Seidenstraße.“ Oh, das ist großartig, denn der Seidenfluss hat manches mit der Seidenstraße gemein. Die Seidenstraße war ja die geheimnisvolle Handelsverbindung zwischen Europa und Asien, über die den staunenden Europäern die ganzen Wunder des Orients aus dem Osten geliefert wurden, nicht zuletzt die Seide, dieser wunderbar weiche, kühle, verhüllend enthüllende Stoff. Der Seidenfluss fließt langsam aber sicher in die Gegenrichtung in den Osten, hinein in jene geistigen und körperlichen Abenteuer, die zuerst im Orient entwickelt wurden: die Kampfkünste, die Energiearbeit und die Meditation. Sein ruhiges Fließen trägt Sie in neue Welten der Erkenntnis und Selbsterkenntnis, wenn sie sich ihm nur mit etwas Neugierde und einer Portion Beharrlichkeit anvertrauen.

Der Seidenfluss ist der Weg, den Kampfkünstler und andere Suchende einschlagen, um ein besseres Leben zu führen. Und wie jeder Fluss trägt er geduldig die, die sich ihm anvertrauen. Es bedarf ein bisschen Geschicklichkeit, um nicht zu kentern, es bedarf einer guten Portion Beharrlichkeit, an den oft lange Zeit gleich aussehenden Ufern nicht auszusteigen, ehe man die Schönheit in ihren Details entdeckt hat, und manchmal muss man sich bei Hochwasser auch anstrengen. Aber der Fluss fließt für jeden in seiner eigenen Geschwindigkeit und niemand ist zu alt oder zu jung, zu stark oder zu schwach, und niemand ist zu krank oder auch zu gesund, als dass der Fluss ihn nicht tragen würde. Meditation, Kampfkunst, Chi oder Qi gar - das sind Namen, vor denen man nicht zurückzuschrecken braucht; das wird der Fluss Sie lehren. Und er wird Sie seine Schönheit lehren - Seidenfluss heißt er nicht nur wegen des alten Handelsweges. Seide fließt wie Wasser, nur noch schöner anzuschauen und zu fühlen. Und so bewegt sich mit den Jahren auch der Kampfkunstübende und diejenigen, die das Qi Gong praktizieren, und so bewegen sich ihre Gedanken und fließen ihre Energien, wenn sie sich aufs Chi und in der Meditation auf sich selbst einlassen. Mehr weiß ich noch nicht über den Seidenfluss, aber ich lerne jeden Tag etwas dazu. Die Seite seidenfluss.de, die Sie gerade besuchen, beschreibt einen Teil der Reise - meiner Reise, aber auch der Reisen anderer - auf dem Fluss und lädt Sie ein, sich uns anzuschließen. Ich habe den Fluss nicht entdeckt, ich gab ihm nur diesen Namen, denn so erlebe ich ihn ... 3

2. Worum es mir mit der Site geht Ich habe lange gebraucht, um meine jetziges, wie ich hoffe umfassenderes Verständnis der Kampfkünste zu entwickeln und ich habe noch viel länger gebraucht, um mich der Themen Meditation und Energiearbeit praktizierend anzunehmen, die wie ich jetzt weiß, erst zusammen eine Einheit bilden, die den Weg zu mehr Gesundheit, mehr Zufriedenheit und größerer Sicherheit weist. Was mich lange aufgehalten hat, waren einerseits ein verkürztes Verständnis der Kampfkünste, das allzu sehr auf die Sportlichkeit, die Selbstverteidigung und den Wettkampf ausgerichtet war. Vielleicht wollte ich es als junger Mensch auch nicht anders sehen ... Abhilfe verschaffte mir später, die Kampfkünste als Kunst zu erfahren und so langsam zu verstehen, dass sie das gesamte Leben positiv beeinflussen. Andererseits haben mich Skepsis, aber auch ein falsch verstandener Respekt vor vermeintlich unfassbaren Wahrheiten viel zu lange davon abgehalten, mich mit Meditation und Energiearbeit zu beschäftigen. Abhilfe verschaffte mir in dieser Hinsicht, dass ich mir eine neugierige, aber erwartungsfreie Haltung zulegen konnte, die mich spielerisch in die Praxis einführte, wo ich staunend bemerkte, dass alle Zugänge viel einfacher sind als ich gedacht hatte. Es ist trivial anzumerken, dass wir die komplexen Anforderungen des Lebens besser bewältigen können, wenn wir ihm aus der Sicherheit eines in sich ruhenden Selbst begegnen. Deshalb suchen ja alle Menschen nach dem sicheren Stand. Nun, die Basis aller Kampfkünste ist der Stand. Meine eigene Basis liegt in mir selbst und kann am sichersten gefunden werden, wenn ich mich aufsuche. Und die Energie verbindet beides. Dies zu vermitteln und die übertriebene Mystik der Thematik ein Stück weit fortzupusten ist mein Wunsch auf seidenfluss.de. Das erreichen wir zusammen aber viel einfacher. Setzen Sie sich doch zu mir hier ans Wasser ... 4

Helfen Sie mit Wenn Sie mit dieser Idee also etwas anfangen können, und wenn der Seidenfluss Ihr Interesse geweckt hat, so machen Sie doch einfach mit. Nehmen Sie auch mal kurz das Ruder in die Hand und berichten Sie, was Ihnen auf dem Fluss begegnet ist. Erfolge, Misserfolge, Erfahrungen - alles ist gleichermaßen wertvoll, denn nichts, was wir erleben ist umsonst. Und was Sie erlebt und gedacht haben, mag vielen helfen, ihre eigenen Wege sicherer, entspannter, erwartungsvoller, glücklicher zu gehen. Die Site wird langsam aber beständig wachsen und gerne beziehe ich Ihre Gedanken dabei ein. Sprechen Sie mich an. Einfach so, also nur für mich bestimmt. Oder für die Öffentlichkeit bestimmt. Letzteres gerne auch anonym, solange ich nur weiß, mit wem ich es zu tun habe. 5

3. Über den Autoren Mein Name ist Dr. Frank Weinreich, und ich bin der Betreiber von seidenfluss.de und der Autor der meisten der Texte sowie der Fotograf und Zeichner aller nicht anders ausgewiesener Bilder, die Sie hier finden. (Foto: Uwe Schwesig 2009) Ich bin Jahrgang ´62, verheiratet und seit 2003 Vater eines tollen Sohnes, der übrigens auch schon eine Kampfkunst übt. Beruflich bin ich ehemaliger Rettungssanitäter, ehemaliger Krankenpfleger, studierter Kommunikationswissenschaftler, Ex-Universitätsdozent und Schulforscher, promovierter Philosoph und arbeite jetzt seit 2000 als freier Lektor und Autor, der als Experte für phantastische Literatur ziemlich bekannt geworden ist. (Mehr über diese Arbeit und eine Sammlung von mehr als 50 Aufsätzen und Essays zum Thema finden Sie unter polyoinos.de) Das heißt auch, dass seidenfluss.de für mich ein rein nichtkommerzielles Projekt ist. Ich bin an keiner Schule oder Institution beteiligt, übe in verschiedenen Dojos mit wechselnden Partnern und Lehrern, arbeite selbst nur sporadisch ehrenamtlich als Trainer und Lehrer und schreibe hier nur aus dem Grund, dass 6

ich meine Erfahrungen rund um die Kampfkünste, die Meditation und die damit verbundene Philosophie mit Ihnen teilen möchte. Ich bin Budoka seit 1977 (Shaolin Kempo 2. Dan, Jiu Jitsu 2. Dan) und praktiziere Taichiquan, Qi Gong und die Meditation seit etwa 2005. Zu meiner Schande muss ich gestehen, das ich, anders als die meisten überzeugten Kampfkünstler meiner Kunst für fast fünfzehn Jahre abtrünnig geworden bin und im Alter zwischen 27 und 40 nichts gemacht habe. Das bedeutet für mich heute, dass ich bei Weitem nicht da stehe, wo ich stehen könnte, wenn ich dabeigeblieben wäre, aber mein Lebensweg sollte wohl so verlaufen. Ich hätte aber wohl auch eine andere Einstellung, wenn ich nicht zwischendurch die volle westliche Dröhnung wissenschaftlicher Erziehung bis hin zum Doktortitel in der Philosophie mitgemacht hätte. Auch meine Ausbildung zum Krankenpfleger in den Achtzigern und meine Arbeit auf verschiedenen Intensivstationen der westlichen Schulmedizin war prägend. Und in diesen 15 Jahren war in meinem Leben eben keine Zeit für die emotional-physisch- nichtrationale Lebensweise. Ich bereue deshalb auch eigentlich nichts, außer dass ich vieles verpasst habe, was ich jetzt nicht mehr werde lernen können. Aber man kann nicht alles haben, und manchmal setzen sich Prioritäten von selbst. Herauskristallisiert hat sich jedenfalls folgende Priorität: Als Philosoph ist eines meiner drängendsten intellektuellen Bedürfnisse Ratio und Emotion, Logik und Gefühl zu versöhnen - ich habe da so eine Ahnung, dass ich zumindest in meinem eigenen Leben - jetzt, da ich beides intensiv durchlaufen habe und in meinem täglichen Leben nun vereinen konnte - damit Erfolg haben könnte. Spannend an dem westlichen Ratio-Konzept und der östlichen Spiritualität ist nämlich, dass beides richtig ist. Und wenn das stimmt, dann ist der alte Graben zwischen Verstand und Gefühl überwunden. 7

4. Die anderen Seidenflüsse Ja, es gibt natürlich auch einen ‚realen‘ Seidenfluss, mindestens zwei sogar. In Korea schlängelt sich sanft der Geum-gang durch die Berge von Gongju, in China fließt der Li Jiang durch die malerische Landschaft des Karstes der Guilin-Berge. Beide Flüsse werden auch als Seidenfluss bezeichnet. Und wenn ich die Fotos so sehe, die man im Netz von den beiden Flüssen findet, so wäre es mir gar nicht unlieb, wenn Sie meinen gedachten Seidenfluss mit diesen Namenspaten verwechseln, denn so stelle ich mir den Fluss vor. Ich sollte sie mal besuchen ... 8

5. Kampfkunst Was sind das, die Kampfkünste? Und mit welcher Berechtigung spricht man im Zusammenhang mit Kampf und kämpfen von Kunst? „Kampfkunst? Die erhält doch nur gesund, weil sie verhindert, dass mich jemand verprügelt“, könnte man denken. Aber das stimmt nicht, denn die klassischen Kampfkünste zielen nicht in erster Linie auf den Gegner, sondern auf die Übenden. Und dort sorgen sie bei Weitem nicht nur für eine verbesserte körperliche Fitness, wie alle anderen Sportarten auch, sondern verändern das gesamte Leben ... dies mit nicht geringerer Macht, als auch jegliche andere, noch so hochstehend erscheinende Kunst es vermag. Die Kampfkünste sind Sport ... und unendlich mehr. Sie beschäftigen sich über die körperliche Ebene hinaus immer auch mit geistigen Aspekten: Konzentration, Disziplin, Philosophie. Wer dies in Leben und Training vernachlässigt, übt einen Sport in Form bloßer Leibesertüchtigung aus und wird nie die Stufe eines Meisters erlangen, selbst wenn er vielleicht durch Körperkraft und Technik einen Schwarzgurt zu erringen vermag. 9

Schon der bewusst (von den meist vor Jahrhunderten lebenden Erfindern der einzelnen Disziplinen) gewählte Begriff Kampfkunst – anstatt Kampfsport – weist auf den umfassenden Charakter dieser Konzepte hin, die weit über die körperliche Ertüchtigung hinausgehen. Die Kampfkünste beschäftigen sich mit der effizienten Abwehr körperlicher Angriffe, das kann und darf nicht unterschlagen werden, aber sie führen eine ganze Philosophie im Hintergrund mit sich, durch die sie erst in die Lage versetzt werden Entspannung und Gelassenheit, Selbstbewusstsein und Selbstbewusstheit, Respekt, Klugheit, Einsicht und sogar Liebe zu vermitteln. Ziel aller Kampfkunst ist vor allem anderen die Selbsterkenntnis; die Techniken und Übungen dienen dabei als Mittel. Um das zu verstehen, ist es nötig, sich einen zutreffenden Begriff vom Kampf zu machen ... 10

6. Vom Kampf Kampf ist nicht auf die Fresse hauen und das Gehirn rausblasen. Das heißt, ... leider ist es das auch ... Es hat dann aber nix mit Kampfkunst zu tun, denn diese Gewalt ist nur eine bestimmte Ausdrucksform von Kampf, und zwar dessen verabscheuungswürdigste Ausprägung. Kampf aber meint jede Form streitbarer Auseinandersetzung. Und wenn wir von den Kampfkünsten sprechen, dann reden wir vom Kampf mit sich selbst, denn jeder andere Kampf verblasst in seiner Bedeutung vor diesem einen, täglichen, immerwährenden Kampf. 11

Denken Sie an einen anderen, stark verunglimpften und missbrauchten Begriff: Djihad. Der Djihad ist erst durch Fanatiker zum sogenannten Heiligen Krieg verkommen; eigentlich bedeutet Djihad Anstrengung und jeder Muslim ist aufgefordert, sich der Anstrengung zu stellen, ein Leben zu führen, wie Gott es ihm vorschreibt. Der Djihad des Kampfkünstlers ist der Kampf gegen sich selbst, ist die Anstrengung ein anständiges Leben zu führen. Das ganze Leben ist Kampf, meist unspektakulär, aber immer anstrengend: - Sich das Ziel zu setzen, ein guter Mensch zu sein und ein erfolgreiches Leben zu führen, und dieses Ziel dann zu verfolgen, ist mit Sicherheit eine Anstrengung. Und es ist eine Auseinandersetzung. Eine Auseinandersetzung als Kampf mit sich selbst und gegen immer wieder selbst hervorgebrachte Widerstände wie die eigene Faulheit; der Kampf gegen den Wunsch, sich gehen zu lassen. - Eine Berufsausbildung durchzuhalten, ist beispielsweise so ein Kampf. Ein Kampf, der mit Willenskraft gegen sich selbst geführt wird. Und diesem ersten Kampf im Beruf folgen tägliche neue Kämpfe; und wenn wir ihn verlieren, den Job, folgt der Kampf darum, wieder aufzustehen und weiterzumachen. - Die Beziehung zum Partner kann in schweren Zeiten zu einem Kampf werden. Und zwar gegen sich selbst, in dem man sich anstrengt, nicht einfach wegzulaufen und sich jemand anderen zu suchen. Weglaufen ist billig, aushalten ist Kampf. - Die Pflege eines Verwandten oder Freundes ist Kampf, denn es ist eine enorme Anstrengung geduldig zu sein, sich zu überwinden, dauernd da sein zu müssen. - Und das Ertragen eigener Krankheit ist Kampf. Oder sich nach einem Unfall durch jahrelange Rehabilitationen zu quälen, ohne aufzugeben. Es gibt viele Kämpfe und kein Leben kann gelebt werden, ohne den Kampf und die Anstrengung zu erleben. Die Frage ist, wie man sich dazu verhält. Die Kampfkünste befassen sich mit dieser Einstellungsfrage, die eine Anstrengung gelingen oder scheitern lässt. Und sie geben eine Antwort auf die Einstellungsfrage - kämpfe, aber bleibe gesund dabei. Die Geistes- und Körperhaltungen, die die Kampfkünste vermitteln, lassen sich 12

auf alle Aspekte außerhalb des Übungsraumes genauso anwenden wie auf das Geschehen beim Trainieren. Im Gohshinkan-Dojo meines Freundes und Lehrers Soke Shihan Sensei Uwe Hasenbein wird jedes Training mit dem Gruß „Chen Li“ begonnen, was soviel heißt wie „Möge die Übung gelingen“. Aber das Training wird auch mit diesem Gruß beendet. Warum? Weil auch das Leben da draußen eine Übung ist, von der wir einander wünschen, dass sie gelingen möge. Also ist der Kampf für den Kampfkünstler zuallererst ein Kampf mit sich selbst. Und ja, wir lernen und lehren Menschen notfalls zu verletzen, doch darum geht es nur in dem äußerst seltenen Fall, dass es wirklich zu einer Verteidigungssituation kommt. 13

7. Der Weg zur Perfektion - Do, Gongfu Do, der Weg, ist ein ganz grundlegender Begriff in allen japanisch verwurzelten Kampfkunststilen. Ju-do, Aiki-do, Ken-do - sie alle enthalten dieses Wort. Gongfu erinnert demgegenüber irgendwie an Kung Fu und scheint eine chinesische Kampfsportart zu bezeichnen. Gongfu erinnert in der Tat an Kung Fu, denn es handelt sich dabei um die Pinyin-Umschreibung der Schriftzeichen für Kung Fu ... nur steht Kung Fu für vielmehr als eine Kampfsportart und bedeutet teils das gleiche wie das japanische Wort Do und erweitert Do zum Teil auch. Do ist ein ebenso einfacher wie komplexer Begriff, denn eigentlich heißt Do Weg oder Straße, aber natürlich bleibt es nicht bei dieser einfachen Bedeutung. Wenn man sich das Leben als einen Ablauf vorstellt, als einen Faden, an dem man sich von Geburt zu Tod entlangbewegt, so ist es naheliegend, sich das Leben als Weg vorzustellen, den man abschreitet. Und wie bei jedem Weg liegt es im Ermessen des Einzelnen, wie man sich auf ihm bewegt; ob man hastet oder schlendert, ob man das Ziel im Auge hat oder das Wandern entlang des Weges als Selbstzweck sieht. Die Art und Weise wie wir den Weg, Do, beschreiten, bestimmt die Qualität unseres Lebens. In vielen Philosophien wird davon ausgegangen, dass es eine moralische Aufforderung, eventuell sogar Pflicht gibt, den Lebensweg derart zu beschreiten, dass er einen zu einem besseren Menschen macht. Das ist nicht unbedingt asiatisch oder gar konfuzianisch, sondern ist beispielsweise die Prämisse auch aller antiken griechischen und römischen Philosophie gewesen: Alles schreitet auf einem Weg zu ansteigender Perfektion und wer da nicht mitmacht, handelt moralisch falsch. Do beschreibt nun ganz allgemein den Weg, das eigene Potenzial zu verbessern, also ein besserer Mensch zu werden. Das kann auf dem sanften Weg erfolgen - Judo -, auf dem Weg des Schwertes - Kendo -, auf dem Weg der harmonischen Energieentfaltung - Aikido -, und auf hundert anderen Wegen, die alle eines gemeinsam haben: Eigentlich geht es nicht um die spezifischen Übungen des Judo, 14

Kendo oder Aikido; die Übungen dienen vielmehr dazu, die eigenen Potenziale in ihrer Gesamtheit zu eröffnen. Das geschieht auch in der Teezeremonie und selbst dann, wenn man ‚nur‘ seinen Garten harkt. Das ist nun nicht einfach, und deshalb trifft der Weg, Do, sobald man ihn beschreitet, auf das chinesische Gongfu, denn Gongfu bezeichnet ganz allgemein alles, in was man durch harte Arbeit zur Meisterschaft gelangt ist. Dabei fasst Gongfu den Weg - also jegliches Üben - und das Erreichen des Zieles in einem Begriff zusammen, bezeichnet also das gleiche wie Do, aber zusätzlich den Erfolg und seinen Lohn. 15

Letzteres - Erfolg und Lohn - ist ganz wichtig, denn es wäre nicht ganz richtig, nun an das naheliegende Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“ zu denken. Nein, das Ziel ist das Ziel, darin ist sich alle idealistische Philosophie einig, auch wenn sie sich zumeist ebenfalls darin einig ist, dass man das Ziel als unvollkommener Mensch nicht erreichen wird. Aber nur auf dem Weg zu sein, ohne - Gongfu! - sich um das Ziel Perfektion zu bemühen, lässt Potenziale unerfüllt bleiben. Besonders das Gongfu steht nun scheinbar im Gegensatz zu einer der Grundaussagen hier auf seidenfluss.de, dass nämlich der Weg zu den Kampfkünsten und zur Lebensveränderung durch Meditation und Energiearbeit leicht zugänglich ist, und dass man vor diesen Dingen nicht aus falsch verstandenem Respekt zurückschrecken soll. Der Gegensatz hebt sich jedoch auf, denn der Zugang ist in der Tat leicht und erfordert nicht mehr als Neugierde und etwas anfängliche Beharrlichkeit. Effekte stellen sich bei genauem Hinsehen dann nämlich schnell ein und wecken neue Begehrlichkeiten und Lernziele, die einen auf dem Weg voranschreiten lassen. Nur ist der anfängliche Zugang natürlich weit von Gongfu, weit von jeglicher Meisterschaft entfernt. Die erfordert immer noch und wird immer erfordern: harte Arbeit. Allerdings fällt einem das ‚Aufraffen‘ zu dieser harten Arbeit auch immer leichter, weil es auf dem langen, langen Weg zur Meisterschaft ständige Belohnungen gibt - man muss nur die Augen dafür öffnen und darf nicht jeden Tag von Neuem stöhnen „Wann bin ich endlich da?“ Gongfu und Do haben, so verstanden, nichts mit Askese und Entbehrung zu tun ... 16

8. Meister und Schüler, ein ganz besonderes Verhältnis Von flachen Hierarchien und Mitbestimmung wird man in den Kampfkünsten eher wenig bemerken - hier herrscht in der Regel ein streng asymmetrisches Verhältnis von Meister und Schüler. Die Herkunft der meisten Stile aus Kulturen, die für ihre Autoritätsgläubigkeit bekannt sind zementiert das sowieso ausgeprägte Ungleichverhältnis. Umso wichtiger ist es, dass das Verhältnis von Meiste rund Schüler stimmt. Was heißt „stimmen“? In erster Linie heißt das, dass beide, besonders aber der Meister, sich der besonderen Verantwortung bewusst sind, die der besonderen Materie entstammt mit der sich beide beschäftigen. Eindeutig ist dies wohl im Falle der zu erlernenden/zu lehrenden Techniken. Abseits aller richtigen Worte über Philosophie und den Körper und Geist der Übenden, ist es nun einmal so, dass alle Kampfkünste lehren zu verletzen und zu töten. Das darf nicht jeder lernen, das kann nicht jeder lehren, oder? Aber auch Philosophie und die Geisteshaltungen der Kampfkünste, die eingangs dieser Abteilung kurz angesprochen wurden verlangen Verantwortungsgefühl. Der Schüler sollte sich in Acht nehmen vor schlechten Lehrern, die den Geist des Bushido nicht richtig vermitteln können oder wollen - sie sind nicht schwer zu erkennen. Der Meister muss sich immer vor Augen halten, dass er seine Schüler nicht nur Techniken lehrt, sondern den gesamten Kontext ihrer Anwendung und des Übens - Stichwort Kampf gegen sich selbst - immer mitvermitteln muss, und dass dies eine erhebliche moralische Bürde ist, denn damit ist eine ganzheitliche Ausbildung des Schülers verbunden, und je jünger der Schüler ist desto umfassender ist der einfluss des Meisters, desto größer also seine Verantwortung. Die meisten - und ich lernte viele kennen - machen das sehr gut. Trotzdem gilt natürlich für die einen wie für die anderen, sich die Schüler wie die Meister mit Bedacht zu wählen. Gerade erst habe ich dies für meinen Sohn getan (mit vielleicht mehr Sorgfalt 17

als ich es für mich getan hätte) und bin froh, dass ihn das Dojo der Shodai Marcus Bartsch und Holger Martek - das Bushikan in Herne - aufgenommen hat und er dort unter den Fittichen von Sensei Sonja Klimke übt; er hat schließlich Großes vor ... Essenziell: die Wahl des Dojos Was vielen Kampfkunstmeistern nicht gefallen wird, ist allerdings das Folgende: In der Praxis wird das hierarchische Denken oft übertrieben. Wir leben weder im asiatischen noch im europäischen Mittelalter und Schüler sind keine Leibeigenen. Damit meine ich nicht, dass irgendwelche Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt werden, sondern will damit falsch eingerichtete Loyalitäten anprangern. Dazu eine Geschichte: Als ich vor über 30 Jahren noch ein junger Schüler war, kam es im Verein zu einem Eklat. Einer der Danträger hatte sich einer anderen Denkrichtung innerhalb des Jiu Jitsu angeschlossen als diejenige, die der Großmeister unseres Dojos vertrat. Es kam zum Bruch, der jüngere Danträger verließ den Verein und gründete einen 18

eigenen. Einige Schüler lud er ein, doch auch seinen Verein wenigstens zu besuchen und einmal mitzutrainieren. Wer dieses Angebot annahm, so wurde uns Verbliebenen dann klargemacht, sei ein Verräter und brauche sich im Stammverein nicht mehr blicken zu lassen, denn der neue Verein wende sich ja gegen den Lehrer unseres Großmeisters. Ich ging natürlich nicht hin ... Heute würde ich gehen. Denn das hat nichts mit Verrat zu tun, ist keine Undankbarkeit und selbst wenn ich dann wechselte, würde das meinen alten Meister nicht im Geringsten herabsetzen, denn in tiefer Dankbarkeit behalte ich ja, was ich von ihm lernte. Deshalb kann ich jedem Schüler - und wir sind alle die meiste Zeit Schüler und die geringere Zeit Meister - nur raten, sich umzuschauen. Schau dich um und lerne neue Ideen, neue Techniken, neue Gedanken kennen. Behalte nur Deine Lehrer in Dankbarkeit in deinem Herzen, denn was du heute bist, verdankst du in sportlicher Hinsicht allein ihnen und in menschlicher Hinsicht zu einem größeren Anteil als dir wahrscheinlich klar ist. Und es gibt Verständnis, ja sogar Nachdruck für dieses Denken auf Seiten mancher Meister. Shodai Uwe Hasenbein erzählt gerne, dass ihn einst einer seiner Meister vor die Tür setzte - weil er wollte, dass Uwe neue Meister, neue Stile, neue Wege zu denken und zu üben erlernte. Wir sollten es spätestens als junge Meister vielleicht halten wie die Handwerksgesellen alter Zeit - und von Ort zu Ort ziehen. Jedem Meister rate ich, seinen Schülern alles zu gönnen, was sich ihnen eröffnen mag. Niemand verrät dich, kein anderer kann, was du kannst so, wie du es kannst. Aber vielleicht muss dein Schüler jetzt etwas anderes kennenlernen. Lass ihn gehen und nimm ihn wieder auf, wenn er zurückkommt. Und sei ihm dankbar, denn er lehrte dich mehr als du ihn. Hey, was soll der letzte Satz denn heißen? Das ist mir auch erst bei Bodo Wiegel klar geworden. Bodo ist mein Taijiquan- und Shotokan-Lehrer und -Partner und mein bester Reisegefährte auf dem Seidenfluss. Bodo schließt jedes Training damit ab, dass er sich nach dem Abgrüßen bei seinen Schülern bedankt. Warum? 19

Weil wir beim Lehren mehr lernen als beim Lernen: Wir sind besser als beim sonstigen Üben, denn wir sind Vorbild für die Schüler; wir sind konzentrierter, denn wir müssen sie alle im Auge haben, weil wir die moralische Verantwortung tragen, sie in der richtigen Form - fordern, aber nicht überfordern - anzuleiten; wir sehen in ihren Fehlern, an welchen Stellen wir uns verbessern müssen und sie erinnern uns daran, dass wir ebenfalls immer Schüler bleiben*. * Viele Stile haben verschiedenfarbige Gürtel, auf Japanisch Obi, um den Erfahrungsgrad der Schüler anzuzeigen, erst die Meister dürfen einen schwarzen Gurt tragen. Üblicherweise beginnt man als Schüler mit einem weißen Gürtel. Es gibt Stile, in denen die höchsten erreichbaren Meistergrade wiederum einen weißen Gürtel beinhaltet, um die Großmeister daran zu erinnern, dass sie mit Blick auf die Perfektion immer am Anfang stehen werden. 20

9. Zwei Formen der Arbeit von Körper und Geist Es gibt hunderte von Kampfkunststilen, und nicht einmal alle kommen aus Asien. Und das hier ist kein Lexikon, schauen Sie also vielleicht einmal indiese Wikipedia-Liste, um einen ersten, völlig unvollständigen Eindruck von der Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten zu bekommen. Mir geht es um grundlegende Prinzipien, die den hinter den Einzelstilen stehenden Charakter verdeutlichen. Geht man so heran, ist es am sinnvollsten die Kampfkünste in Äußere und Innere Stile einzuteilen. Äußere ... Als äußere oder harte Kampfkünste bezeichnet man diejenigen Disziplinen, die vornehmlich auf den koordinierten Einsatz von Muskelkraft setzen. Sie sind athletisch und kräftezehrend und können rein körperlich geübt werden. Bekannte Beispiele für äußere Kampfkünste sind die verschiedenen Karatestile oder das koreanische Taekwondo. Äußere Kampfkünste beinhalten immer auch Aspekte der inneren Kampfkünste. In der Trainingspraxis westlicher Freizeitsportler kommen die inneren Kampfkünste jedoch meist nur am Rande vor. ... und innere Kampfkünste ... Kennzeichen der inneren Kampfkünste ist ein weicher Kampf- und Bewegungsstil, der den natürlichen inneren Energiefluss des Qi ausnutzt. Sie können effektiv nur ausgeübt werden, wenn der Körper sich entspannt und werden daher vornehmlich langsam trainiert. Das geht einher mit intensiven Atem-, Konzentrations- und Kraftübungen, die auf niedrigstem Niveau beginnen können und sich stufenlos anpassbar steigern lassen. Das bekannteste Beispiel einer inneren Kampfkunst ist das Taijiquan. 21

Wir können auch anders ... ... und Gesundheit Nicht zuletzt, glücklicherweise sogar für die allermeisten an erster Stelle stehend sind dann noch die gesundheitlichen Aspekte: alle Kampfkünste tun Körper und Geist extrem gut. 22

10. Innere Stile Das Tai Chi, das genauer gesagt als Taijiquan bezeichnet wird, ist eine alte chinesische Kampf- und Bewegungskunst, die Körper und Geist gleichermaßen trainiert, indem beides zu einer harmonischen Einheit verbunden wird. Ziele des Tai Chi sind in zwei Richtungen vorhanden. Sie steht hier prototypisch für alle inneren Kampfkunststile, derer es neben dem Tai Chi noch eine ganze Reihe weiterer gibt, etwa das aus Japan stammende Aikido. Zum einen geht es darum, die Lebensenergie Qi zu spüren und leiten zu lernen, denn die Kontrolle über das Qi ermöglicht die Verbindung von Geist und Körper zu einer Einheit, die jegliche Störungen des Wohlbefindens zu integrieren oder abzuwehren vermag. Dies wird durch das Üben langsamer, völlig kontrollierter Bewegungsabläufe erreicht, die vom Verzicht auf Kraftanstrengungen, dem Einsatz des ganzen Körpers und einem Wechsel von Fülle und Leere, Ruhe und Bewegung gekennzeichnet sind. Diese Bewegungsfolgen sind es, die das Erfahren und spätere Lenken des Qi ermöglichen. Zum anderen, und dies wird oft vergessen oder unterschlagen, ist und bleibt Tai Chi eine Kampfkunst. Als solche dient sie natürlich auch den gerade beschriebenen gesundheitlichen und Entwicklungsaspekten, aber sie dient im Anwendungsfall auch dazu Angreifer auszuschalten; und dies dadurch, dass keine Körperkraft, sondern Energien auf besonders effiziente Art und Weise geleitet werden. Falls Sie Tai Chi nur in Form zeitlupenförmiger Bewegungen von Rentnern in Pekinger Parkanlagen aus dem Fernsehen kennen, seien Sie versichert, dass man sich mittels Tai Chi auch sehr schnell bewegen und sehr gut verteidigen kann. Wenn Sie über etwas Erfahrung mit Tai Chi verfügen, diese Seite der Kunst aber noch nicht kennen, sollten Sie einmal einen Selbstverteidigungslehrgang in Sascha Krysztofiaks TaiChi-Akademie Rhein-Sieg besuchen ... Die Wirkung der inneren Kampfkünste in Selbstverteidigungssituationen wird einerseits erreicht, indem ein stetiger Körperkontakt zum Gegner es ermöglicht, ihm die Kontrolle über den eigenen Körper zu nehmen, andererseits kann das Chi auch 23

in zerstörerischer Absicht auf und in den Körper des Gegners gelenkt werden und dort Schäden anrichten, die die von physischer Gewalteinwirkung erreichen und sogar übersteigen können. Tai Chi hat viel mit dem Wasser und mit der Seide zu tun. Es fließt und strengt sich nicht an - wie das Wasser. Es fühlt sich richtig an und ist schön - wie die Seide. Und wie beidem liegt ihm eine große Kraft zugrunde, die sich in letzter Konsequenz nicht brechen lässt. Tai Chi ist wie Wasser und Seide Grundlage des Tai Chi ist das Qi Gong. Qi Gong kann man mit Energiearbeit übersetzen und bezeichnet Übungen in Ruhe wie in Bewegung, mit denen man die Lebensenergie im Körper lenkt. Die Bewegungsfolgen des Tai Chi setzen sich aus Qi Gong-Elementen zusammen, die in ihrer Abfolge den Energiefluss und die Möglichkeit, diesen zu kontrollieren, erfahrbar machen. Zusammengenommen klingt dies wie Meditation, und genau das ist es auch, denn Tai Chi ist Meditation in Bewegung. Die Entspannung, der Verzicht auf kraftraubende Elemente und eine individuelle Anpassbarkeit aller Bewegungen ermöglicht in jedem Alter und den meisten Gesundheitszuständen den Einstieg in das Tai 24

Chi. Das hohe Endziel, die harmonische Einheit von Körper und Geist, darf dabei nicht abschrecken. Niemand muss sich zwanzig Jahre in ein Kloster zurückziehen, um die Ziele des Tai Chi zu erlernen, denn das Endziel ist viel weniger wichtig als der Weg, der dorthin führt. Das Schöne dabei ist: Die Übungen des Qi Gong und Tai Chi wirken nahezu sofort. Das Erfahren von Qi und die Fähigkeit, Qi zu lenken treten schon irgendwann ein; wenn man nur dabei bleibt. Aber zurecht wird darauf hingewiesen, dass es viele Jahre des Übens braucht, um dorthin zu gelangen. Nur sind dies keine Jahre des Leidens und Anstrengung, sondern schöne Jahre, weil Tai Chi - und Qi Gong, und ich nehme an, das trifft auch für Yoga zu, habe Letzteres aber nie ausprobiert - sich gleich richtig anfühlt, sofort Entspannung schenkt und Begehrlichkeiten weckt: Ich will mehr davon! Die einzige Voraussetzung für das Erlernen der inneren Kampfkünste ist die Bereitschaft zum regelmäßigen Ausführen der Übungen (dieser „Kampf“ ist unumgänglich). Probieren Sie es aus und es mag sein, dass es Ihnen geht wie mir als mir diese Geschichte mit dem Ball passierte ... Und das mit dem Ball war bei Weitem nicht alles - meine Rückenschmerzen sind weg, meine Zahnarztphobie fiel Meditationstechniken zum Opfer und und und 25

11. Äußere Stile Auch die äußeren Kampfkunststile sind Bewegungskünste, nur weisen sie andere Charakteristika auf als die inneren Stile mit ihren weichen, meist langsamen Bewegungen und ihrer Konzentration auf das, was im Körper der Übenden geschieht. Die äußeren Kampfkünste stehen in erster Linie im Zeichen der Muskelarbeit, während die inneren durch die Bewegung und Leitung der Energieflüsse im Körper charakterisiert sind. Das drückt sich in vergleichsweise schnellen und kräftigen Bewegungen aus, die mit der Zeit zu außerordentlicher körperlicher Fitness führen können. Der Kampf wird durch die Einwirkungen von Schlägen oder Tritten oder durch fixierende und verletzende Halte- und Hebelgriffe entschieden. Waffen kommen übrigens sowohl in den inneren als auch in den äußeren Kampfkünsten zum Einsatz.  Da der menschliche Körper sehr leicht verletzbar ist, besteht bei Kenntnis der Kampfkünste großes Missbrauchpotenzial oder - positiv 26

gewendet - eine starke Verpflichtung, verantwortlich mit den Kenntnissen und Fertigkeiten umzugehen. Während die zerstörerische Anwendung der inneren Kampfkünste große Übung und langjährige Erfahrung erfordert, um überhaupt nennenswerte Wirkungen zu erzielen, ist es deutlich leichter, eine ‘brauchbare Grundausstattung’ an Techniken der äußeren Kampfkünste zu erlernen. Meisterschaft in den Einzeltechniken, fortgeschrittene Bewegungsabläufe sowie die Beherrschung komplexer Technikkombinationen erfordern jedoch ebenfalls langjähriges, intensives Studium, was in sich schon einen gewissen Schutz vor Missbrauch darstellt: Straßenschläger nehmen es meist nicht auf sich, 10 Jahre zu üben, um sich schlagen zu können; und wenn sie 10 Jahre geübt haben sollten, ohne dass ihr Meister sie rausschmiss, dann haben sie wahrscheinlich gelernt, dass Schlägereien falsch sind. 27

12. Kampfkünste und Gesundheit Eine in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzende Rolle spielen die gesundheitlichen Aspekte in allen Kampfkünsten. Doch dabei geht es nicht nur um Fitness und Geistesbildung, denn wir reden ja von den Kampfkünsten, und die beinhalten immer auch die potenzielle Auseinandersetzung. Insofern dienen sie auch dazu die eigene Gesundheit vor Angriffen zu schützen. Im Falle gewalttätiger Konfrontation ist das Weglaufen immer die beste Lösung, doch manchmal kann man nicht weglaufen, vielleicht weil es einfach nicht geht, vielleicht weil Schutzlose unsere Hilfe benötigen. Dann haben die Kampfkünste uns darauf vorbereitet die eigene Gesundheit oder die anderer dadurch zu schützen, dass wir Aggressoren außer Gefecht setzen können. Aber natürlich sorgen die Kampfkünste auch aktiv für die eigene geistige und körperliche Gesundheit, indem sie vieles Positive mit uns anstellen. Das Primat der muskulären Arbeit in den äußeren Kampfkünsten führt zu verschiedenen positiven körperlichen und geistigen Ergebnissen: Die Muskulatur wird gestärkt, ebenso das Herz-Kreislauf-System und die Lungenfunktionen und selbst der Magen-Darm-Apparat profitiert von der regelmäßigen Bewegung des ganzen Körpers. Der Bänder- und Sehnenapparat sowie alle Gelenke entwickeln ihre volle Beweglichkeit; selbst bei älteren Menschen kann ein großer Teil der körperlichen Beweglichkeit zurückgewonnen werden. Die Koordinationsfähigkeiten, besonders in den Bereichen Auge - Hand, Fuß - Hand, Fuß - Auge werden überdurchschnittlich gut ausgebildet, das Gleichgewichtssystem extrem verfeinert. Bei entsprechender gesunder Nahrungsaufnahme kommt es schell zum idealen Körpergewicht. Im geistigen Bereich wird die Konzentrationsfähigkeit trainiert. Die traditionelle Wertschätzung von Disziplin und gegenseitigem Respekt in allen Kampfkünsten fördert die sozialen Fähigkeiten insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Die Kampfkünste bieten bei entsprechendem Anstoß durch die Meister großes Potenzial zu ethischen und philosophischen Betrachtungen.    28

Die inneren Kampfkünste leisten wie die äußeren einen großen Beitrag zur körperlichen und geistigen Gesundheit, wenn auch mit etwas anderen Schwerpunkten. Die sportliche Fitness wird nicht in gleicher Weise gesteigert: Der Muskelaufbau im Zuge der Praxis der inneren Kampfkünste findet verstärkt im Bereich der kleineren Halte- und Stellmuskeln statt und nicht so sehr in den großen Muskeln, die die äußeren Kampfkünste stärker ausbilden müssen, um die erforderliche Kraft und Schnelligkeit zu entwickeln. Die langsamen und weniger Kraft erfordernden Bewegungen lassen ein Erlernen und das Üben der inneren Kampfkünste in jedem Alter zu. Modifikationen und die Aufteilbarkeit von Bewegungsübungen erlauben den Einsatz der inneren Künste auch im Rehabilitationsbereich. Herz-Kreislauf- und Lungenfunktionen werden ebenso gestärkt wie in den äußeren Künsten, Magen-Darm- und der Gelenks-, Sehnen- und Bänderapparat ebenfalls, die geringeren Belastungen sind wiederum für Ältere sehr geeignet. Konzentrations- und Koordinationsfähigkeiten werden ebenfalls gefördert, sie werden wahrscheinlich sogar stärker gefördert als in den äußeren Künsten, da die langsamen und dafür 29

hochkonzentrierten Bewegungsabläufe intensivere gedankliche Beschäftigung erfordern als schnelle, explosive Aktionen. Lässt man sich auf die unterliegende Philosophie und Weltanschauung ein, eröffnet sich eine ganze Welt, die beschriebenen positiven Aspekte treten jedoch auch ohne den ganzen gedanklichen Unterbau ein. 30

13. Von Innen- und anderen Welten Sie sind unabhängig voneinander denkbar, erfahrbar, lebbar - Meditation, Energiearbeit und die Kampfkünste. Für mich aber bilden sie eine Einheit und vereinen sich zu einem sehr egoistischen Kosmos, denn auf diesen drei Wegen bin ich ganz bei mir - auch wenn ich lange Zeit benötigte, um das Verhältnis dieser drei Elemente zu einander zu verstehen. Die Meditation ist etwas sehr egoistisches. Meditiere ich, bin ich ganz bei mir und nur bei mir. Alle Konzentration richtet sich auf mich selbst. aber in einem sehr gesunden Sinn, denn Meditation ist nicht Grübeln und Nachsinnen, sondern reines Wahrnehmen. Ich nehme mich im Jetzt urteilsfrei wahr und bin ganz hier und bei mir. Insofern erfahre ich viel über mich selbst, und Selbsterkenntnis ist ja, wie oben gesagt, auch das entscheidende Ziel aller Kampfkunst. Das ist dann etwas sehr Erfrischendes und Gesundes, das man intuitiv wahrnimmt, wenn man aus der Meditation ‘auftaucht’. 31

Herzschlag und Atmung sind beruhigt und eine angenehmeWachheit hat Besitz von einem ergriffen. Vielfach wird auch berichtet, dass Aufregung und Angstzustände sich in der Meditation auflösen.  Im Zusammenhang mit den Kampfkünsten bewirkt die meditative Konzentration den Erwerb von Techniken, die die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit erhöhen und Körper und Geist schneller regenerieren. Beim Fortschreiten der meditativen Praxis kommt es jedoch erst zur eigentlichen Verbindung von Kampfkunst und Meditation. Beherrsche ich die Grundlagen von beidem kann ich es zu Meditation in Bewegung verbinden, so dass sich die körperlichen Fertigkeiten und die geistigen Potenziale zu einer Einheit verbinden, die einen beides jeweils intensiver erleben lässt. Die Energiearbeit Qi Gong - oder auch andere Formen der Energiearbeit - bewirken an sich eine Stärkung von Körper und Geist, indem die Energie so gelenkt wird, dass sie beides stützt und erweitert. Aber es besteht auch eine Verbindung zu Kampfkunst und Meditation. Die Meditation wird vertieft und der Rahmen ihrer Möglichkeiten erweitert, wenn ich lerne, in der Meditation Energie zu erspüren und später auch, sie zu lenken. Zudem beruhigt und löst die Energeiarbeit auch Aufregung und Ängste, zielt somit in genau die gleiche Richtung wie die Meditation. Die Kampfkunst profitiert ebenfalls unmittelbar, denn das Erspüren der Energieflüsse ermöglicht gesündere und effizientere Bewegungsabläufe, ihr späteres Lenken dann eine Intensivierung aller körperlichen und geistigen Tätigkeit sowie, im Hinblick auf eine Selbstverteidigungssituation, den nach außen gerichteten Einsatz von Chi, um eine Auseinandersetzung schnell beenden zu können. 32

14. Nicht zu fassen, aber da Chi, Qi, Gi, Ki - Begriffe für eine allumfassende Energie, die weder geistiger noch physischer Natur ist, sondern ...? Es ist schon spannend - Chi (das ist die deutschsprachige Umschreibung des chinesischen Qi, des japanischen Ki, des koreanischen Gi) ist nach übereinstimmender Meinung aller Philosophien, die das Chi anerkennen, der einzige unwandelbare Urgrund alles Seins, der Materie und Geist durchzieht und bewegt und doch nicht Teil von ihnen ist. Chi lässt sich nicht messen, chi lässt sich nicht einmal adäquat beschreiben. Und ist doch Basis aller Energiearbeit - ob im Schamanismus, im Qi Gong, im Yoga -, der inneren Kampfkünste, der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und vielem mehr. Aber gibt es Chi? Nach allen Regeln der Erkenntnistheorie gibt es Chi schon mal nicht, denn es lässt sich mit wissenschaftlicher Methodik nicht erfassen. Ganz davon zu schweigen, dass es einen Chi-Meter gäbe, der die aktuelle Energieleistung in Milli-Chi pro Stunde angeben könnte. Und wenn man es nicht einmal verbal adäquat beschreiben kann - mir ist zumindest keine wirklich befriedigende, in Worten gefasste Beschreibung oder Erklärung bekannt - so liegt doch der Verdacht nahe, dass Chi ein Hirngespinst ist. Dem steht zwar die Erfahrung entgegen, aber die ist in wissenschaftlicher Hinsicht wegen ihrer subjektiven Natur keine valide Auskunftsinstanz. Wenn wir beide, Sie und ich, etwa eine Tai chi-Form zusammen laufen, so mögen wir das Wirken mit absoluter Sicherheit verspüren, das Gespür lässt sich aber mit Leichtigkeit hinweg erklären. Wärmegefühl, Kribbeln? Unbestimmte Nervenerregungen. Ein mich umgebendes Kraftfeld? Autosuggestion. Aber wie kommt es, dass ich Ihr Kraftfeld auch spüren kann? 33

Interessant sind in dieser Hinsicht eben besonders die überindividuellen Erfahrungen, etwa der Erfahrungsschatz der TCM und des Qi Gong. Wieso wirken energetische Ansätze nachweisbar? Und ich rede nicht vom Placebo-Effekt. Ja, Placebos - also Scheinmedikamente - können ganz erstaunlich wirken, bis hin zur Genesung schwerster körperlicher und psychischer Erkrankungen. Aber das liegt daran, dass das Placebo eben die unglaublich mächtigen Selbstheilungskräfte des Menschen anzustoßen vermag. TCM und Qi Gong wirken jedoch nachweisbar unabhängig von Placebo- Effekten. Was wirkt dann aber? Zudem gibt es Übungen und Techniken in den inneren wie den äußeren Kampfkünsten, die Zugriff auf das Chi ermöglichen. Es ist beispielsweise relativ einfach, Vorstellungskräfte freizusetzen, die den Körper zu physikalischer Arbeit befähigen, die über die bloße Leistungsfähigkeit der Muskulatur hinausgeht (bspw. der „unbeugsame Arm“). Das funktioniert ohne jegliche Vorkenntnisse, also auch ohne daran zu ‚glauben‘; wie erstaunte Gesichter auf entsprechenden Lehrgängen immer wieder beweisen. Trotzdem bleibt Chi in wissenschaftstheoretischer Hinsicht Spekulation. Es ist nicht zu fassen. Aber die Erfahrung vermag auch Skeptiker zu lehren, dass da trotzdem etwas ist, das wirkt. Und es wirkt zuverlässig, so zuverlässig, das in der TCM immerhin etwas so verantwortungsvolles wie die Gesundheit des Menschen, auf dieses Unfassbare gebaut werden kann. 34

Blöd ist bei all dem nur, dass sich rund um das Thema Chi eine Menge Scharlatane versammelt haben, deren persönliche Betrügereien geeignet sind das gesamte Konzept in ein schlechtes Licht zu stellen. Wenn geworben wird, dass man in Wochenend-Kursen zum Energie-Heiler (Reiki) werden kann, so erweckt dieser Unsinn gleich Zweifel an Reiki und Chi überhaupt. Es ist ein schwieriges Terrain; bleiben Sie wachsam ... 35

15. Vom Nutzen der Meditation Falls Sie sich auch schon einmal gefragt haben sollten, welchen Nutzen denn das Meditieren wohl haben kann und ob das auch etwas für Sie ist oder nur für “esoterische Spinner”, so interessiert Sie vielleicht, dass in einer wissenschaftlich abgesicherten, 'nichtesoterischen' Studie herausgefunden wurde, dass die Meditation auch bei geringem Aufwand erstaunlich nützlich sein kann. Einen Kurzbericht brachte dazu neulich Spiegel Online. Na ja, neu ist das ja wirklich nicht, und auch wissenschaftliche Ergebnisse haben schon vielfach gezeigt, dass Meditation eine sinnvolle Sache ist, um das persönliche Befinden und kognitive Fähigkeiten zu verbessern. Ganz faszinierend zu diesem Thema ist das kleine Büchlein Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog des Neurobiologen Wolf Singer und des Molekularbiologen und praktizierenden Buddhisten-Mönches Matthieu Ricard (134 Seiten, der Link führt zu Amazon). Offensichtlich verhält es sich so, dass das Meditieren erstens die Konzentration fördert, zweitens manche Formen der kognitiven Leistungen verbessert - etwa das räumliche Denken - und drittens psychische Spannungen und Ängste zu mindern vermag. Diese Wirkungen treten interessanterweise unabhängig davon ein, ob man bestimmte weltanschauliche und/oder religiöse Vorstellungen mit dem Meditieren verbindet. Sie müssen also kein Buddhist sein oder an Energiearbeit glauben, um die genannten Effekte zu verspüren. Es reicht, sich einfach drauf einzulassen, mal zehn oder zwanzig Tage lang eine Viertelstunde zu opfern, und eine einfache Achtsamkeitsmeditation durchzuführen. Achtsamkeitsmeditation? Ganz einfach. Es ist nicht nötig, denkend siebendimensionale Mandalas entstehen zu lassen oder zu versuchen Ausläufer des Heiligen Geistes im Äther zu erfassen. Es reicht, sich ungestört auf die Atmung zu konzentrieren. Im normalen, aufrechten Sitzen, ganz ohne das rechte Ohrläppchen mit der linken kleinen Zehe berühren zu müssen. 36

Das ist es wirklich schon: Hinsetzen, auf die Atmung achten, abschalten. Und obwohl das Abschalten nicht klappen wird, reicht es aus, bei jedem aufkommenden Gedanken einfach konsequent wieder zur Atmung zurückzukehren ... und sei dies auch 50 Mal in 15 Minuten nötig. Genauso habe ich angefangen und schon beim ersten Mal gefühlt: “Hmm, das ist aber schön.” Mehr war es nicht, aber auch nicht weniger. Und ich blieb dabei. Nun bin ich zwar weit von jeglicher Erleuchtung entfernt, fürchte ich, aber das Meditieren tut mir weiterhin gut. Es entspannt mich wirklich, es hilft mir, das was ich vor dem Meditieren unterbrochen habe, mit neuem Schwung aufzunehmen und es wird eigentlich immer schöner. Wichtig ist mir, nochmals zu betonen, dass es keinen Grund gibt, unmäßigen Respekt vor der Meditation zu haben und sich wer weiß was Heiliges drunter vorzustellen. Die Neurowissenschaften zeigen, dass Meditation einfach eine Technik ist, die es unserem Gehirn und unserer Psyche erlaubt, besser zu funktionieren. Das kann ich nur bestätigen, unabhängig davon, wie insignifikant solch eine Einzelmeinung auch immer sein mag. Es erinnert mich auch daran, wie ich mit dem Tai Chi begann (was 37

wirklich deutlich mehr Aufwand erfordert). Ebenfalls mit viel zu viel Respekt vor der eigentlichen Sache fing ich damit an, aber auch mit einer neugierigen, doch neutralen Erwartungshaltung. Ich habe schlicht nichts erhofft, sondern einfach nur reinschnuppern wollen. Und es war ein Erfolg, der mein Leben bereicherte, wie ich an dieser Stelle beschrieben habe. Nichts weniger können auch Sie erwarten, wenn Sie sich neugierig, aber respektlos mal an die Meditation wagen. Ein schöner Begleiter - einen Meditationslehrer braucht man für den Beginn nicht - ist dabei übrigens das kleine Buch Meditation für Anfänger von Jack Kornfield. Versuchen Sie es doch mal, es vergrößert die Welt :-) 38

16. Das Erlebnis mit dem Ball - oder - Die Energie, irgendwann passiert es einfach Nach langen Jahren des Praxis der äußeren Kampfkünste begann ich vor einiger Zeit mit dem Studium der inneren Kampfkünste, insbesondere des Tai Chi im Yang-Stil. Essentiell für das Tai Chi – diese Aussage stand ganz am Anfang des Trainings – ist das Erleben, später die Kontrolle des Energieflusses Qi. Nun ist das Konzept von Qi für einen ehemaligen Wissenschaftler wie mich nicht ganz einfach zu akzeptieren. Qi kann man nicht messen und wenn man an ein Oszilloskop an den Übenden anschlösse, so würde dort nichts zu sehen sein. Und fühlen tat ich erst einmal gar nichts. Auch die Aufforderung, im Stand und bei den Atemübungen, später beim gesamten Formenlauf, den Kopf einfach zu leeren und alle Gedanken hinwegfließen zu lassen, ist einfach aufgestellt, aber schwer umzusetzen. Ich dachte: 15 Minuten „Stehen wie ein Baum“ und nicht denken? Unmöglich! Oder die kleinen Aufgaben, die zu den Übungen dazugehören: Spüre die gesamte belastete Seite, spüre den Rücken wie er sich beim Vertreiben des Affen gegen die Luft bewegt („Mit Oberbekleidung an? Was ein Quatsch.“), verbinde Fuß und Hand miteinander und spüre deren Verbindung. Und immer wieder: Spüre das Chi. Öffne die Hände und stelle dir einen Ball vor, spüre den Ball aus reinem Qi. Schwierig, schwierig. Kein Vergleich zu einem ordentlich ausgeführten Schlag oder Tritt, wo du genau fühlst, wie die Gelenke zueinander stehen und die auftreffende Fläche stabilisiert wird. Aber glücklicherweise ist wenigstens das Üben angenehm ... hmmm ... ja doch, ich mag zwar nichts Besonderes spüren, aber es tut irgendwie gut ... Kein Wunder. Wenn die Energie fließen soll, muss der Körper entspannt sein und Knochen und Gelenke so zueinander stehen, dass keine Sperren und Blockaden entstehen. Unter Anleitung ist das erstens sehr leicht zu erlernen und zweitens fühlt sich das 39

einfach richtig an. Qi? Keine Ahnung. Aber ich stehe seeehhhr bequem. Ein erster Blick hinaus ... Den Geist leeren? Schaffe ich nicht. Aber die Gedanken, die kommen, die tun gut ... mein Sohn ... Blumen ... ein Zoobesuch – ja doch so lässt es sich gut aushalten. Und als es vorne heißt, „Augen öffnen und lösen“, geht der Blick zur Uhr – eine Viertelstunde? Unglaublich! Es ist unwichtig, ob du das Kribbeln oder die Wärme des Qi spürst, denn die Entspannung schaffst du auch so. Die Verbindung von Hand und Fuß wirst du anfangs nicht spüren können, aber dass sie verbunden sind, kannst du erahnen, weil es sich in der Bewegung einfach richtig anfühlt. Den Ball fühlst du vielleicht nicht, aber dass Hände, Ellbogen, Schultern richtig zueinander stehen merkst Du, weil du sie mit geringer Anstrengung fünf, zehn, fünfzehn Minuten hochhalten kannst. 40

Und du wirst nach kurzer Zeit merken, dass die Erfahrung der entspannten, innerlich geöffneten Körperhaltung auch dein Shaolin- Kempo, Karate, Taekwondo, Jiu usw. verändert, denn du wirst dich immer so bewegen wollen. Dein Zenkutsu dachi wird nichts an Präzision verlieren, wenn du ihn gelöst stehst, aber dich wird nichts mehr umwerfen können und du wirst viel schneller in die nächste Technik hineinkommen. Und was mein Glaubensproblem angeht; die Frage, ob es Qi überhaupt gibt, wo es doch nicht nachweisbar ist - das ist auch nicht so wichtig, stellte ich voller Überraschung fest. Denn auch ohne an irgendetwas zu glauben, meldete mein Körper mir: „Das tut gut, mach bloß weiter“. Entspannen und mitmachen reicht schon völlig aus, um sich gut zu fühlen. Und das reichte mir völlig aus, um dabei zu bleiben. Qi? Naja, aber es ist einfach schön ... Übrigens: nach knapp drei Jahren – es war eine ganz einfache Atemübung – da war der Ball plötzlich da. Er fühlt sich ein bisschen wie ein warmer Volleyball an und er pulsiert ganz langsam im Rhythmus meines Atems und ich kann ihn ebenso deutlich spüren, wie einen echten Ball. Er gehört jetzt mir und ich kann ihn hervorholen, so oft ich will. ENDE (vorläufig) 41

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